Ich erinnere mich noch an meine erste Begegnung mit umfangreicherer Literatur. Es war ein Roman aus der kleinen Bibliothek meines Vaters. Die reichlich morbide Erzählung handelte von den letzten Überlebenden eines Atomkrieges und spielte in Australien. Wahrscheinlich war mir bei der Lektüre wichtig, dass die Akteure weit weg waren und eine kleine Liebesgeschichte in dem ansonsten belanglosen Werk vorkam.
Später arbeitete ich nach der Schule in der örtlichen Arbeiterbibliothek und verschlang wahllos alles, was nach den Öffnungszeiten übrig blieb – jede Nacht ein Buch. Zu ernsterer Lesebeschäftigung kam ich bei den Nachbarn: ich durfte mich an Sir Winston Churchill´s „Der Zweite Weltkrieg“ versuchen, allerdings nur, wenn ich vorher die Finger gewaschen hatte. Das Unverdauliche kompensierte ich dann mit Mark Twain.
Seitdem habe ich ununterbrochen gelesen und viele Gleichgesinnte getroffen. Unter anderem schon sehr früh einen Buchhändlerlehrling, der die Weltliteratur vom Autorenbuchstaben „A“ an aufarbeiten wollte. Als ich ihn verließ war er bei „D“. Er hatte immer ausgebeulte Taschen und mindestens fünf Bücher bei sich.
Auch wenn ich seit meinen Jugendsünden beim Lesen zwangsläufig selektiver wurde, haben Worte und auch Bilder immer noch den Zauber der ersten Jahre.
Walter Tschirren
Herausgeber und Autor
